DreylandDichterweg

Lina Kromer

1889–1977, Schliengen-Obereggenen

(vorgelesen von Markus Manfred Jung)

Dr Blaue isch gstande …

Dr Blaue isch gstande
lang, lang öb ich gsi,
dä stoht, wenn ich nümmi,
scho lang nümmi bi.

Dr Wind in de Bäume,
er chrüslet un dost,
un ’s Wasser ruscht näume,
wenn niemesmeh lost.

Die bluemige Matte
sin tauig un schön,
wenn mir wie Schatte
verwaihe, vergöhn.

Aus: „An Bruder Namenlos“, 1958

öb: bevor
chrüslet: wispert
näume: irgendwo
niemesmeh: niemand mehr
lost: hört

Der Vergänglichkeit des Menschen steht die Unberührtheit der Natur gegenüber.

Blick vom Hagschutz 

So siehsches niene liege,
so prächtig Stuck um Stuck
eis ussem andre gstiege,
unschön derhinder biege
Grüneck un Fohrebuck,
un über allem gwaltig
dr Blaue wiene Fürscht!
Am grüene Mantel, faltig,
as Endi Wißdornshürscht.

Dr Buechewald mit sim früsche,
sim maiegrüene Laub
leit dört um Bürgle Rüsche,
un Wind un Sunne wüsche
am letschte Flömli Staub.
Ischs nit e Schloß für Freie
im schloßewiße Glascht?
Sag, träumts dr nit mer seie
wunschlaos dört obe z’ Gascht?

Wie sone gspannte Fächer
Uspreitet lit das Dal.
Rubiistei drin, sin Dächer,
dr Weiher isch r Becher
us glänzigem Opal.
An dausig Chriesebäume
hangt Bluescht, gli buschlewis,
ischs nit wahrhaftig näume
e Stückli Paradies?

Lueg! s’zieht e Weih Spirale,
e luftig Wolkeland
tropft usre blaue Schale
goldglitzerigi Strahle
vom silberzackte Rand;
die wiß un blaue Zinke
genn heitre Widerschii
un d’ Ankeblueme trinke
die lutri Sunne i.

Loos! wildi Dube riefe
all obem Räbberg her.
Wo d’ Bäch dur d’ Erle schliefe
Stigt öbbis us em Diese:
E trümmlige Begehr.
Vo gele Levatfelder
treits her e starche Duft
s’ waiht heimli über d’ Wälder
in sonre bsundre Luft.

Zmitts dure, ohni Endi
die schmali wißi Stroß
lauft alls durus in d» Fremdi
un ihri Geischter wenn di
fuert zenzle- Heimatlos
frogsch duß uf fremde Gasse,
un riefschs in alli Wind
wie sone arm verlasse
landflüchtigs heimzue find.

Um d’ Chilche groß un chleini
enggstellti Chrütz un Stei!
Si mahne aß no eini-
weisch, d’ Sunneheimet meini-
Für uns e Platz heb frei.
Chas denn im trüebe Andre
no öbbis bessers geh
aß zwüsche bode wandre?
Herz los dr das nit neh.

Aus: „Im Blaue zue“ (1933) 

 

Nach dem Besuch der Volksschule Obereggenen war Lina Kromer seit 1905 Hausmädchen in Lörrach, danach half sie im elterlichen Haushalt, in der Landwirtschaft und im Ladengeschäft. Bis ins hohe Alter lebte sie bei der Familie ihrer Schwester Luise. Durch ihren Vater, einen nachdenklichen Bauern und Waldhüter, hatte sie früh eine hohe Sensibilität für die Natur und die Schönheiten des Markgräfler Landstrichs entwickelt. Um 1914 begann sie, erste Gedichte zu verfassen.

In den 1920er Jahren wurden erstmals Gedichte in Zeitungen veröffentlicht, 1929 folgte die erste öffentliche Lesung und 1933 erschien ihr alemannischer Gedichtband „Im Blaue zue“ mit einem Vorwort von Hermann Burte und Federzeichnungen von Fritz Fischer. Kromer hat sich gleich mit diesem ersten Buch als eine der maßgeblichen literarischen Stimmen des Markgräflerlandes erwiesen, der ihr denn auch rasch Reputation eintrug. Kromer hatte dies nicht zuletzt dem Eintreten Hermann Burtes zu verdanken, der sie nach Kräften förderte. „Den Reigen der Markgräfler Dichterinnen“, schrieb er, „führt zeitlich und geistig Lina Kromer von Obereggenen an […]. Diese Markgräfler Bauerntochter, eine zarte, blonde Jungfrau, lebt in dem schönen Dorfe unter dem Blauen im Kreise der Ihren und nimmt an der Arbeit in Haus und Feld, am Leben in Freude und Leid, in Brauch und Sitte, wie eine andere, teil. Die Vorgänge im Dorf und seiner Welt, der Wandel des bäuerlichen Schaffens, die Vorstellungen und Empfindungen ihrer Landsleute sind ihr klar bewußt; sie verleiht ihnen in guter Mundart wahren und wesentlichen Ausdruck. Ihr schönes Lied aber steigt aus einem verhaltenen, reichen und tiefen Innenleben hervor, und die Eindrücke der irdischen Natur werden in ihren beschwingten Versen zum Ausdruck der menschlichen.“ 

Entgegen dieser allzu betulichen Charakterisierung unterschied sich Kromer freilich von einer Heimatdichtung, die allzu leicht ins Völkische abglitt und 1933 mitunter sogar ihre Hoffnungen erfüllt sah. Vor solchen Gefahren bewahrte sie ihre unbeirrbare humane Grundhaltung, die sie vor   nationalsozialistischer Indienstnahme schützte, dann aber auch die Tatsache, dass Heimat und Natur für Kromer immer zugleich Verweise auf Übergeordnetes waren – ganz im Sinne des Hebel´schen „Ähnedra“. So weiteten sich ihre Motive und Themen zu einem vielschichtigen geistig-seelischen Erlebnis- und Reflexionsraum: Immer wieder sind es letzte Fragen, denen ihr Blick gilt, und nicht selten greift ihre religiöse Grundhaltung hinüber ins Philosophische. Bei aller fragenden Unruhe liegt über Kromers Lyrik indes eine tröstliche Gelassenheit, die aus einer demütigen Frömmigkeit und dem  Vertrauen in den göttlichen Gang der Dinge kommt: „un darf nit mitem Meischter rechte,/ aß er im Chnecht bei Iiblick gunnt“.

Ihr „von allen persönlichen Wünschen losgelöster Pflichtenkreis“ (Kromer) hinderte die Dichterin jedoch nicht daran, sich aus der „bedrängenden Umgebung“ mental zu lösen. Dabei nahm sie auch die Erfahrung des Fremdseins im eigenen Bereich in Kauf. Es müsse immer Menschen geben, so sagte sie einmal, die „nicht sein können wie die andern“, die vielmehr „sterneneinsam und sehr traurig“ sind – „im große Hufe ganz ellai“. Bemerkenswerte Worte für eine Heimatdichterin – und zugleich Vorbedingung  dafür, den Fallen der Heimatdichtung zu entgehen: nämlich das Vertraute und Gewohnte absolut zu setzen, es lyrisch zu sanktionieren. Ob Kromers Gedichte eher bukolisch tönen oder von bäuerlichem Erleben künden, ob sie eher zum Gleichnishaften tendieren oder der Sehnsucht nach Entgrenzung und schöpfungshafter Anverwandlung Ausdruck geben, ob sie in Mundart oder, wie bereits in ihrem zweiten Band „Im Rauschen der Wälder, hochdeutsch gehalten sind – in jedem Falle bezeugen sie einen inneren Reichtum, der sich am immer neuen Erlebenkönnen der Heimat und am Staunen über die Schöpfung stets wieder auffrischt.

In ihrem Dorf Obereggenen war sie die „Gotti“ (Patin) – nahm sie doch am Leben der Dorfbewohner Anteil und wirkte als eine Art Seelsorgerin. 1954, anlässlich ihres 65. Geburtstags, wurde sie Ehrenbürgerin ihrer Heimatgemeinde; zwei Jahre später wurde ihr als erster Frau der Johann-Peter-Hebel-Preis zuerkannt, einer der wichtigsten Literaturpreise Baden-Württembergs. Auch Martin Heidegger, der sie 1945 bei einer Lesung in Badenweiler kennengelernt hatte, schätze sie, und zu ihren runden Geburtstagen wurde sie hoch geehrt. Dabei blieb sie zeitlebens bescheiden und ein  leidenschaftlich suchender Mensch: „Ich schrieb, wie es mir geschenkt wurde, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, auf der Suche nach Gott.“

In der Ortsmitte von Obereggenen erinnert ein Gedenkstein an Lina Kromer; im benachbarten Feldberg (Stadt Müllheim) ist ihr eine Station des „Dichterwegli“ gewidmet.  Ein Teil ihres schriftlichen Nachlasses wird im Markgräfler Museum Müllheim aufbewahrt, wo man ihren Werken in der Literaturabteilung begegnen kann.

Manfred Bosch und Jan Merk

Veröffentlichungen (Auswahl)

Im Blaue zue. Alemannische Gedichte. Müllheim: Markgräfler Druckerei und Verlagsgesellschaft 1933 (2. verm. Aufl. Straßburg: Hünenburg 1941)

Im Rauschen der Wälder. Gedichte. Straßburg: Hünenburg 1942

Gesicht am Strom. Alemannische Gedichte. Badenweiler: Krohn 1949

An Bruder Namenlos. Alemannische Gedichte. Freiburg: Rombach 1958

Ein Mensch und nur ein Mensch zu sein. Gedichte. Freiburg: Rombach 1960

Ein Mensch zu sein. Ausgewählte Gedichte. Hg. von Elisabeth Etzel. Freiburg: Rombach 1979

über Lina Kromer:

Hubert Baum, Freude am alemannischen Gedicht, Freiburg 1968, S. 44-46.

Manfred Bosch, Der Johann-Peter-Hebel-Preis 1936-1988. Eine Dokumentation, Karlsruhe 1988, S. 154-158. 

Manfred Bosch, Lina Kromer. Dichterin, in: Baden-Württembergische Biografien. Band 1, Stuttgart 1994, S. 201-203.

Zit un Ewigkeit

Um uns e rissig Wasser goht,
das trait is furt, mer merke’s nit.
Wer sieht, öb’s hoch, öb’s nieder stoht?
Gech sin d’Bord – isch Lebe – Dod –
am wilde Wasser: Zit.

Im Grenzelose – dief wie breit –
lit e Meer, das nümmi stigt.
Dört werde d’Zite ane trait,
dört ruscht’s und bruscht’s no: - Ewigkeit,
wenn alles ander schwigt.

aus: „An Bruder Namenlos“, 1958

Obefriede

Im letschte Liecht, im letschte Glanz,
gfüllt mit blaue Schatte,
stöhn d’Berg z’ringsum
as wie ne Chranz
um Dorf und Feld un Matte..

Es ruscht dr Bach, e Vogel singt,
e Wind goht in de Bäume.
Was duet’s eim a,
was lockt un winkt,
as riefti öbber näume.

D’Nacht chunnt bal, dr Näbel stigt,
d’Sunne isch scho dunde.
Mi Herz würd still,
es lost un schwigt,
un het dr Heimweg gfunde.

aus: „An Bruder Namenlos“, 1958