DreylandDichterweg

Manfred Marquardt

1927–1982, Lörrach

(vorgelesen von Markus Manfred Jung)

 

 

D’Erde

Allewiil chunnt d’Erde zue der, wenn de einsem bisch,
leit der d’Hand uf, wie ne Mueder un sait liis: Was isch?

Gump in Rhy, uf d’Isteischwelle, lauf in Röttler-Wald!
Loß am Horn de Wind verzelle, lueg, wie’s Räblaub fallt.

Stand am Blaue n obe näume uf e Felsesprung.
Mit em Weih chasch useträume, schwäbsch, wie er, ne Rung.

Lig ins Gras am Schoremättli, los, wie d’Hätzle gäggst.
Suech der Schwümmli noh, ne Chrättli, bal bisch wie verhext.

Allewiil chunnt d’Erde zue der, isch im Chummer do.
Wäge däm, du, Menschebrueder, loß mer d’Erde go!

Aus: Eso goht’s is!, 1979 

Allewiil: Immer
leit: legt
liis: leise
Gump: Spring
Horn: Grenzacher Horn
Rung: Weile
Schoremättli: Gewannname
Hätzle: Eichelhäher
gäggst: schreit wüst
Schwümmli: Pfifferlinge; Chrättli: Körbchen.

Unser großer Trost ist die Erde, ist Mutter Natur mit all ihren schönen Plätzen, auch hier in der engeren Heimat. Nimm ihren Trost an und zerstöre sie nicht.

 

Manfred Marquardt, Lehrer und Dichter, wurde 1927 in Lörrach in eine Handwerkerfamilie geboren und wuchs in kleinen, aber gesicherten Verhältnissen auf. Unterbrochen von längeren prägenden Aufenthalten bei einem Onkel im ländlichen Muggenbrunn im Südschwarzwald, besuchte er in Lörrach von 1934-39 die Hebelschule und anschließend bis 1948 das Hans-Thoma Gymnasium, unterbrochen durch Arbeitsdienst in Böhmen und  Kriegsdienst in der Wehrmacht. Mit einem Kameraden setzte er sich in den letzten Kriegswochen von der Front in die amerikanische Zone ab, arbeitete bei Heidelberg auf einem Bauernhof und schlug sich in die Heimat durch. Nach dem Abitur studierte M. ein Semester an der Universität Freiburg Philosophie, Pädagogik und Psychologie. In einem diskussionsfreudigen Künstler- und Lehrerkreis mit dem Dichtermaler Paul Hübner,  dem Keramiker Hermann Messerschmidt, mit Walter Eichin, Heinz Baumgartner und Ulf Schünemann, wurde, geprägt durch die Erfahrungen in der Nazizeit, ein neues, optimistisches Menschenbild entworfen, die Entwicklung der modernen Malerei und Musik der Welt außerhalb Deutschlands nachgeholt. Dem Jazz blieb M. enthusiastisch verbunden bis ans Lebensende. 

Von 1949-51 studierte er an der Pädagogischen Akademie in Lörrach mit dem Abschluss für das Lehramt an Volksschulen. Seine erste Stelle war in Marzell, im oberen Kandertal, von wo aus er auch die Söhne des Wirts auf dem Hochblauen (1167 m) unterrichtete, im Winter nach anstrengender Tour auf Skiern. Ab 1956 lehrte M. in Niedereggenen im Markgräflerland, von 1964 bis zu seinem Tod am 14. Januar 1982 in Lörrach-Stetten an der Neumattschule. Er war als Lehrer eine beliebte, markante Persönlichkeit. Mit seinem Tun in diesem Beruf setzte er sich auch theoretisch auseinander und verfasste einige kritische Artikel darüber, z.B. „Gedanken zur Ordnungskrise in der Erziehung“, Privatdruck 1975, wo er ganz explizit gegen zwei Jahrzehnte „moderner Reformpädagogik“ zu Felde zieht. 1951 heiratete er Gisela Schlageter, die er 1946 beim ersten Tanzkurs nach dem Krieg kennen gelernt hatte. Zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor. 

1979 erschien sein erster Gedichtband „Eso goht's is“, in alemannischer Mundart und im Selbstverlag. Der Journalist Walter Bronner begleitete dieses spektakuläre Debut mit den Worten, der Band weise M. als „einen wortgewaltigen Poeten alemannischer Zunge“ aus, dessen Verse sich von der liebenswerten Mundartpoesie anderer Autoren unterschieden „wie das Hämmern eines Spechtes vom Gesang der Nachtigallen oder Lerchen“. Neben den lebensbejahenden, manchmal derben Trinkliedern und den feinfühligen Natur- und Liebesgedichten ist es vor allem die schonungslose Zeit- und Gesellschaftskritik, wie sie im 1981 erschienenen zweiten Gedichtband „Noo de Zwölfe“ noch verstärkt zum Ausdruck kommt, die die Leserschaft der Region aufrüttelt. Er bereitete den Boden für die nachfolgenden Generation „Junge Mundart“, die dank seiner Streitbarkeit auf ein Publikum stieß, das neue Töne und Gedanken in Mundarttexten annehmen konnte. 

Schon 1980, als Marquardt die Gedichte für seinen zweiten Band niederschrieb, wusste er um seine unheilbare Krankheit. Ein schnell wachsender Gehirntumor beeinträchtigten Seh- und Sprachzentrum. Für den Gedichtvortrag lernte er die Texte auswendig. Nur zwei Jahre durfte er mit seiner Dichtung präsent sein. Auch deswegen und nicht nur wegen der Radikalität seiner Texte blieb ihm jede offizielle Anerkennung seines dichterischen Schaffens versagt. 1984, posthum, gab seine Frau mit „Nachgelassene Gedichte in Alemannisch“ seinen dritten Gedichtband in die Öffentlichkeit.  Marquardt wurde in den 60er und 70er-Jahren kurzzeitig einer der Sprecher einer volksnahen Gegenöffentlichkeit wider die dominierenden Kalküle  von Politik und Wirtschaft in der Auseinandersetzung um das geplante Atomkraftwerk Wyhl und andere umweltgefährdende Industriekomplexe im „Dreyeckland“ Elsass, Baden, Nordwestschweiz..

In seinem Essay „Hotzenwald, Stauhöhe 934“, zuerst veröffentlicht im „Basler Magazin“ der Basler Zeitung vom 3.5.1980, zeigt er sich als engagierter Kämpfer gegen die Errichtung eines Stausees im Hotzenwald, in einer einzigartigen, fast noch unberührten Moorlandschaft. „Was hier webt und vergeht, hat Teil an einem Sein, das dem menschlichen Auge nur zeichenhaft verschlüsselt widerfährt. Es will nicht platt verstanden, wohl aber vernommen und geachtet werden. Hier könnte man erleben, was es heißt, Schöpfung zu ehren und zu fürchten, ihr also Ehrfurcht zu erweisen.“ M. war ein kämpferischer Naturschützer. 

Marquardts heutige Popularität und die Bedeutung seiner Dichtung gründen einmal auf dem hohen Grad von Authentizität und Ehrlichkeit seiner Texte und auf dem souveränen dichterischen Umgang mit der lebendigen und gelebten alemannischen Mundart.

Veröffentlichungen

Marzeller Krippenspiel, 1954

Der Glasmann und die zehn Gebote der Wissenschaft, Roman, ca. 1972 (unveröffentlicht)

Gedanken zur Ordnungskrise in der Erziehung, Essay, 1975

Eso goht's is, Alemannische Verse. Mit Bildern von Herbert Späth und Worterläuterungen, 1979

Hotzenwald, Stauhöhe 934, Essay, 1980

Noo de Zwölfe, Alemannische Verse, 1981

Nachgelassene Gedichte in Alemannisch, 1984

Über M. M.: Markus Manfred Jung, „Manfred Marquardt“, in: D'Deyflsgiger, Badische Kulturzeitschrift Nr. 7, 1982

Gerhard Jung, „Marquart Manfred“ in: „Badische Heimat“, Heft 2 Juni 1983

Manfred Bosch, „Anestelle, was de weisch – Eine Erinnerung an den Lörracher Dichter Manfred Marquardt“ in: Das Markgräflerland, Band 1/2003

Markus Manfred Jung, „Manfred Marquardt (1927–1982)“, in: Badische Heimat, Dezember 4/2002

Markus Manfred Jung

Was mer mien

Mer mien noo usse ärmer werde
un wieder riich noo inne.
Nit numme noh die Welt vermärte,
nei bätte un si bsinne.

Mien wider d’Münstertürn astuune
un tief in d’Stilli lose
un nümm’ mit unse Satansluune
die Starche spile un die Große.

Mer mien zue Moos un Chäfer abe
un bis in’s Mark bireue.
Mer mien ’s verschüttet Herz usgrabe,
nit trampe, mer mien chneue!

aus: Eso goht’s is!, 1979

Do ane isch’s cho

Me cha’s:
Iise, Beton, Glas.

E Geiß
weiß
meh,
ne Reh.

De Herrgott un ’s Tir,
numme nümm’ mir !

Wenn…

Wenn d’Mensche noh Auge hätte,
nit numme gleesigi Chlugger,
ke Hirni voll Dreck un Lätte
un d’Schrube nit all Dag lugger;

wenn d’Mensche ne Seel noh hätte,
nit numme ne Plaschtikgugge,
verzwiifle chönnte n un bätte,
giengt’s besser in allne Stucke.

Wenn wieder ne Brosme längti,
vom rechte Disch abegfalle,
esone gsägneti, gschänkti:
Das hulf is alle.