DreylandDichterweg

Nathan Katz

1892–1981, Waldighoffen

Nathan Katz macht schon als Kind mit Gedichten von Johann Peter Hebel Bekanntschaft. Dies wird ihn so stark prägen, dass er später nur noch in Alemannisch schreibt. Als Handelsreisender ist er nur noch selten zu Hause. So schreibt er, von Heimweh und Sehnsucht geplagt, die meisten seiner Sundgauer Gedichte aus der Ferne.

(vorgelesen von Edgar Zeidler)

Vorbstìmmig

Villicht ìsch àlles wu gscheht
vorüsbstìmmt schu gsì
dur àlli Zita:
jed Chima n ìm Gàrta,
jeder märderisch Sturmwìng ìm Blüescht,
àlli Màrter un Fraid vo dr Walt. –
O àss m’r so garn is mian hà. –
Wia hatt’s chänna sì sunscht,
àss m’r is hai miassa seh,
un sitter lìga
schloflos dur d’Nacht,
un plànga üfnànger un lida.

vorüsbstìmmt: vorherbestimmt, déterminé à l’avance
Chima: Keimen, germination
Màrter : Marter, supplice
plànga : schmarten, languir

Vielleicht ist alles seit eh und je vorherbestimmt, Freud und Leid, auch unsere Liebe. Wie kann man sonst erklären, dass wir uns begegnen mussten und seitdem schlaflose Nächte verbringen in dieser schmerzlichen Sehnsucht nach dem Anderen.

Leben

Der in Waldighoffen (Sundgau) gebürtige Dichter entdeckt sehr früh in Zeitungen und Zeitschriften, die ein Lumpenhändler auf dem Rückweg aus Basel in der väterlichen Metzgerei ablieferte, Schriften von Rainer Maria Rilke, Charles Péguy, Francis James, Frédéric Mistral … Bereits in der Grundschule hatte er einige Gedichte von Johann Peter Hebel gelernt. Ein Badener Händler hatte, nachdem er ihn Gedichte von Hebel hatte aufsagen hören, ihm ein Gedichtband von Hebel geschenkt. Nach ersten literarischen Versuchen in Hochdeutsch wird er dann in den 20er Jahren sich an diesen Moment erinnern und fast nur noch in Alemannisch schreiben. Er verkehrt gerne mit den Bauern und hört mit Entzücken deren Sprechweise. Ab 1923 wird er Handlungsreisender. Seine Arbeit führt ihn nach Frankreich, Deutschland, Österreich, in die Tschechoslowakei und die Niederlande. Er kommt nur noch selten nach Hause. Die Wirtschaftskrise trifft auch ihn hart. Er wird arbeitslos. Seinem Freund, dem Dichter und Maler Henri Solveen, hat er dann die Einstellung bei der Straßburger Firma Ancel zu verdanken. Er ist manchmal Monate in Südfrankreich oder Nordafrika unterwegs. Von Heimweh und Sehnsucht geplagt schreibt er im Zug, auf dem Passagierdampfer, im Hotel, auf einem Kneipentisch die meisten seiner Sundgauer Gedichte. Drei Werke, die seine Persönlichkeit – Pantheismus, Toleranz, orientalische Gelassenheit, Demut – prägen werden, begleiten ihn auf seinen Reisen: La Vie de Bouddha, der Faust von Goethe und La vie de Jésus von Renan. In Limoges, wo die Firma „Ancel“ evakuiert wurde, trifft er 1942 Paul Valéry. Von 1946 bis zu seinem Ruhestand 1958 arbeitet er dann als Bibliothekar in der Stadtbibliothek von Mulhouse. Als er 1972 für seinen achtzigsten Geburtstag geehrt wurde, sagte er voller Demut: „Ich habe die Landschaften besungen, die Tage und die Frau. Mehr nicht.“

Werk 

Das Galgenstüblein. Ein Kampf um die Lebensfreude. Editions de la littérature populaire, Mulhouse, 1921.

Annele Balthasar, Editions de la jeunesse, Thann, 1924.

D’Ardwibele. E Spiel üs’m Sundgäu, Colmar, 1930.

Die Stunde des Wunders, Alsatia, Colmar, 1930.

Sundgäu. Gedichter, Alsatia, Colmar, 1930.

Sundgäu. Gedichter,  O loos da Rüef dur d’Garte. Näii Sundgäugedichter, Alsatia, Colmar, 1958

S Rosele. Contes et récits d‘Alsace (avec traduction de Roger Kiehl), Petite Anthologie de la poésie alsacienne, Association Jean-Baptiste Weckerlin, tome III, Strasbourg, 1966.

D’Gschichte vom e Rolli (avec traduction d’Eugène Guillevic), Petite Anthologie de la poésie alsacienne, Association Jean-Baptiste Weckerlin, tome III, Strasbourg, 1966.

Dr Schorschle / Georgela (avec  traduction d’Antoine Wicker et Charles Walker), Editions Bueb et Reumaux, 1983.

Auszeichnungen

Oberrheinischer Kulturpreis (1966)

Großer Preis des Instituts der volkstümlichen Künste und Traditionen des Elsass – Institut des Arts et Traditions populaires d’Alsace, Bretzel d’or (1997)